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Kein Bock auf Lesen?

Kapitel 1 ...

Wütend verließ Tim sein Elternhaus und schlug mit einem lauten Knall die Haustüre hinter sich zu. Mit grimmigem Gesicht schlüpfte er in seine Jacke, die er sich beim heraus eilen noch schnell gegriffen hatte. Er war auf 180: „Diese nervigen Alten, mit ihren ständigen Belehrungen! Die nehmen mich einfach nicht ernst! Und immer dieses Timmy ... ey ... Timmy?! Ich bin 22! Längst erwachsen!"
Einfach nur raus – genau das wollte er jetzt. Also ging Tim ohne festes Ziel die Straße entlang, in der er aufgewachsen war, raus aus diesem spießigen Wohnviertel, mit all den ach so perfekten Vorzeigefamilien. Immer weiter entfernte er sich von allem: vom Streit, von der Bevormundung und der aufgesetzten Festtagsharmonie. Er dachte an das laute Wortgefecht mit seinen Eltern. Einen Tag vor Heiligabend die Bombe platzen zu lassen, war eigentlich nicht sein Plan gewesen, aber immerhin wusste seine Familie jetzt, dass er sehr wohl in der Lage war, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Klar, die Stimmung war total im Keller. Aber Tim hatte eh keinen Bock auf Weihnachten!



Unsanft wurde Tim aus seinen negativen Gedanken gerissen, als er von einem rotbackigen Weihnachtsmann angerempelt wurde. Während er sich gedanklich der Wut auf seine Eltern hingegeben hatte, war er unbewusst in die Innenstadt gelaufen und fand sich nun mitten in der belebten Fußgängerzone wieder. Er sah sich um und erkannte ein Meer von Menschen. Alle abgehetzt. Gestresst. Schwer bepackt und mit entnervtem Gesichtsausdruck. Dieses Menschenmeer drängte in alle möglichen Richtungen und Tim hatte das Gefühl, darin zu ertrinken – so viel zum Thema weihnachtliche Besinnlichkeit. Volle Einkaufstüten aus überteuerten Markengeschäften wurden an einer überdimensionalen Holzkrippe vorbei getragen. Überall dudelte kitschige Weihnachtsmusik, als wollten sich die Geschäfte in Lautstärke und Präsenz gegenseitig überbieten. WHAM plärrte aus zwei Lautsprechern, die ein Modeladen links und rechts neben seinem Eingang aufgebaut hatte: „Last Christmas I gave you my heart!" – „So soll Christmas-feeling aufkommen? Bei wem denn?", fragte sich Tim. „Das ist doch total verrückt! Ist das Weihnachten? Wenig Zeit zu haben und die dann auch noch zu vergeuden, um total gestresst irgendeinen Schund zu kaufen? Also, wenn Zeit das Wertvollste ist, das man hat ... warum nicht Zeit verschenken?"




Tim flüchtete sich in den nahe gelegenen Park und setzte sich auf eine freie Bank. Erfreut stellte er fest, dass hier wenig los war, und genoss die Erleichterung darüber, dem Weihnachtsmenschenmeer entkommen zu sein. Als er ein Rascheln hörte, fiel sein Blick auf einen Hund, nur wenige Meter von ihm entfernt. Versteckt unter einem Baum saß er da und beobachtete Tim mit ängstlichem, wachen Blick. Der versuchte, keine hastigen Bewegungen zu machen, um den Hund nicht zu verschrecken. Beide saßen eine Weile da und schauten sich schweigend an. Plötzlich gesellte sich ein zweiter Hund dazu. Kleiner, frecher, mutiger. Der Kleine stupste den ängstlichen Hund immerzu an, als wolle er ihm die Angst nehmen und zum Spielen animieren.




Der ruhige Moment wurde jäh unterbrochen von einer sportlich schlanken Frau mit kurzen Haaren. Sie kam angelaufen und rief: „Fiinee! Fiiineee!" „Es ist doch alles gut mit deinem Hund. Beruhig dich!" zischte Tim leise und verdrehte genervt die Augen. Der kleine Hund reagierte auf sein Frauchen mit Freude, tapste fröhlich und mit stolzem Blick auf sie zu. Währenddessen zog sich der ängstliche Hund noch ein wenig tiefer in sein Versteck zurück. Eine Frau mit orangefarbenen Haaren erreichte ebenfalls die Stelle. Sie war auch aufgeregt und suchte die Gegend nach ihrem Hund ab. Als ihr sorgenvoller Blick auf Tim fiel, deutete er widerwillig auf den Baum, unter dem ihr Vierbeiner lag. „Man, wie übertrieben die ihre Hunde bemuttern", schoss es ihm durch den Kopf. „Als ob denen irgendetwas passiert wäre." Die Frau lockte ihren Vierbeiner behutsam aus dem Unterschlupf. Als sie ihn erleichtert an sich drückte, sagte sie: „Nelly, du kannst doch nicht einfach abhauen! Ich hab mir Sorgen gemacht!" Tim spürte, wie diese zwei Sätze die Wut in ihm hochkochen ließen – warum, wusste er nicht, aber das war ihm auch egal.





 




Kein Bock auf Lesen?

Kapitel 2 ...

„Du kannst doch nicht einfach abhauen!" hallte es in Tims Kopf nach und die Wut stieg weiter an. Ganz klar, er brauchte Ablenkung von seinen Gedanken – und Bewegung. Also erhob er sich von der Sitzbank und ging zurück Richtung Stadt. Tim lief quer über den großen Parkplatz am Rathaus. Unter den vielen Menschen, die seinen Weg kreuzten, fiel ihm eine junge, zierliche Frau auf. Sie war so schwer bepackt mit allerlei vollen Taschen, dass er sich besorgt fragte, wie sie es schaffte, all das Zeug zu tragen. Die Frau wirkte erschöpft, so viel stand fest. „Wie jemand, der es immer jedem recht machen möchte und sich dabei selbst vergisst", stellte Tim fest. Für solche Menschen hatte er einen Blick entwickelt. Seine Schwester war auch so. Er war sich sicher, dass sich nichts in den Tüten der Frau befand, das für sie selbst bestimmt war, sondern lauter Dinge, mit denen sie ihrer Familie ein perfektes Weihnachtsfest bescheren wollte. Die Frau ging zielsicher auf ein geparktes Auto zu. Als sie es schon fast erreicht hatte, klingelte ihr Telefon. Es begann ein Gespräch, in dem es definitiv wieder nicht um sie ging. Tim konnte hören, wie sie voller Hilfsbereitschaft zusagte dieses und jenes noch zu besorgen und zu erledigen, ehe sie nach Hause kam. „Du musst dich doch auch mal um dich kümmern!", dachte er.




Nach dieser Begegnung führte Tims Weg ihn vom Parkplatz zurück in die Shoppingmeile. Er bewegte sich entlang der Schaufenster. Es waren jetzt weniger Menschen in der Stadt als zuvor und Tim war wesentlich entspannter. An einer Buchhandlung machte er Halt. Dieses Geschäft kannte er aus seiner Kindheit. Ohne groß darüber nachzudenken, trat er ein und schritt die Regale ab. Vorbei an Ratgebern, Romanen und Reiseführern. „Mal sehen, ob es die gemütliche Kinderecke von früher noch gibt", dachte Tim und ging die alte, geschwungene Holztreppe nach oben in die erste Etage. Ganz hinten links musste der Bereich für die Kinder sein. Hier hatte Tim früher wirklich schöne Zeiten verlebt, vertieft in spannende, fantastische Geschichten. Als er seinem Ziel näherkam, sah er, dass es die Kinderecke immer noch gab und es bot sich ihm ein ganz besonderer Anblick. Etwa acht Kinder saßen im Halbkreis um einen sympathischen jungen Mitarbeiter herum, der mit einer sehr angenehmen, warmen Stimme aus einem Kinderbuch vorlas. Mit vor Begeisterung leuchtenden Augen und vor Aufregung geröteten Wangen lauschten die kleinen Zuhörer gebannt der Geschichte. Sie waren hoch konzentriert und absolut vertieft in das vorgelesene Abenteuer. Tim erkannte sich selbst in diesem Bild wieder. Noch einmal so begeisterungsfähig sein, wie diese Kinder. Sich wieder vollständig auf etwas einlassen. Wieder dieses Gefühl von Geborgenheit spüren, wie damals in diesem geschützten Kinderbereich, in dem die Realität keinen Zutritt hat. All das wünschte sich Tim in diesem Moment.



„Jetzt bloß nicht sentimental werden", sagte sich Tim. Er riss sich von seinen Kindheitserinnerungen los, kehrte der Einkaufspassage den Rücken zu und schlenderte nun durch das Kneipenviertel seiner Stadt. „Auch viele Leute hier, aber weniger Weihnachts-Trallala", stellte er zufrieden fest. Er blieb vor einem Lokal stehen, aus dem Rockmusik zu hören war. Ein Bandplakat an der Eingangstür verriet, dass es sich um Livemusik handelte. „Klingt ziemlich gut!", dachte sich Tim und entschied hineinzugehen. An der Bar ergatterte er einen freien Platz mit Blick auf die Bühne, auf der die Band gerade eine gute Show ablieferte. Tim bestellte sich ein Bier und lauschte der Musik. Als er seinen ersten Schluck trank, endete das Lied und der Sänger nutzte die Pause für eine Ansprache an das Publikum: „Wisst ihr, wofür wir wirklich dankbar sind?! Für das hier! Musik ist die große Leidenschaft in unserem Leben. Auf der Bühne fühlen wir uns so lebendig. Das füllt uns aus. Das hält uns zusammen." Bevor die Band ihr Konzert fortsetzte, erhob der Sänger sein Glas und schloss seine Rede ab: „Darauf, dass ihr alle findet, wonach ihr sucht! Prost!"




 

Kein Bock auf Lesen?

Kapitel 3 ...

Der Auftritt war zu Ende und die Band mit dem Bühnenabbau beschäftigt. Tim saß gedankenversunken an der Theke. „Bin ich auf der Suche nach dem Glück?" Ein Mann stellte sich neben ihn und orderte etwas zu trinken. Während er auf seine Bestellung wartete, sprach er Tim an: „Hey, du siehst aber auch nicht gerade glücklich aus, so kurz vor Weihnachten. Alles klar mit dir?!" Durch seine väterliche und gleichzeitig lockere Art wirkte der Mann vertrauensvoll. Also ließ sich Tim auf das Gespräch ein: „Hm... nee, ich hab ein paar Probleme zu Hause." „Welche denn?", wollte der Mann wissen. Tim erzählte ihm ein bisschen vom Streit mit seinen Eltern: „Sie behandeln mich immer noch wie ein kleines Kind. Das nervt total!" Der Mann dachte nach und entgegnete dann: „Ja, ist klar, dass dich das nervt! Aber versetz dich mal in deren Lage. Für die wirst du natürlich immer ihr Junge bleiben. Du musst denen auch irgendwie dabei helfen, den Mann in dir zu sehen." „Okay, aber wie stelle ich das an?", fragte Tim. „Du brauchst auf jeden Fall viel Geduld. Was auch immer du machst, zeig deinen Eltern, dass du dafür alt genug und verlässlich bist. Dann wird's langsam, du wirst schon sehen! Ich war ja schließlich auch mal jung." Der Mann nahm sein Getränk entgegen und ehe er ging, fügte er schmunzelnd hinzu: „Wahrscheinlich wollen dich deine Eltern nur vor Enttäuschungen bewahren."





Tim blieb noch eine Weile sitzen und grübelte über die Worte des Mannes nach, bis er leichte Kopfschmerzen bekam und dringend frische Luft brauchte. An das Kneipenviertel grenzte ein Wohngebiet, in dem hauptsächlich Familien lebten. Eine stinknormale Gegend, genauso wie die in der er zu Hause war. Er spazierte gerade durch die Straßen dieser Nachbarschaft, da bekam er das Telefonat einer Frau mit. Tim hörte sie über ihre Familie reden. Sie war einer der Menschen, der selbst am glücklichsten war, wenn er alle seine Lieben um sich herum hatte und wusste, dass es ihnen gut ging. Genau darüber sprach sie während des ganzen Telefonats. „Wie ätzend!", dachte Tim. Voller Vorfreude berichtete sie der Person am anderen Ende des Hörers davon, dass ihre Tochter – ihr Küken – extra aus ihrem weit entfernten Studienort über Weihnachten nach Hause kommen würde. „Küken ... das ist ja noch schlimmer als Timmy ...", fand Tim. „Trotzdem kommt sie scheinbar gerne nach Hause." Er fragte sich, warum.




Tim tat die frische Luft gut, seine Kopfschmerzen waren verschwunden. Er marschierte also weiter und machte einen Schlenker in den historischen Stadtkern, wo sich in der letzten Zeit einige Boutiquen und Schickimicki-Geschäfte breit gemacht hatten. Hier war auch alles weihnachtlich dekoriert und natürlich gnadenlos überfüllt. „War ja klar", grummelte Tim. Er stand gerade vor einem Gebäude, an dessen Fassade mit großen Lettern Vive le Champagne geschrieben war. Kurz nachdem Tim genervt dachte: „Pah! Champagner! Kann sich eh kaum jemand leisten. Diese Schnösel leben doch echt in ihrer eigenen Welt!", öffnete sich die Eingangstür des Champagner-Fachhandels. Heraus trat eine hübsche, gut gelaunte Frau. Mit einer ganz besonderen Art ging sie auf die Menschen zu, die ihren Weg kreuzten. Sie war in ihrem Auftreten keineswegs abgehoben, sondern wirkte eher offen und ehrlich. Kurz darauf war auch das ganze Team auf der Straße und plauderte mit den Passanten, während es ihnen Gläser mit Champagner sowie süße und herzhafte Köstlichkeiten anbot. Alle lachten zusammen und unterhielten sich angeregt. Eine Schar fröhlicher Menschen bildete sich vor dem Geschäft der Champagnerfrau. Tim genoss diese familiäre Atmosphäre, als eine der Mitarbeiterinnen auf ihn zutrat. Mit einem zauberhaften Lächeln hielt sie ihm ein Tablett mit gefüllten Gläsern hin. Er nahm dankend eins an und während er den Champagner trank, ging er in sich: Wann hatte er eigentlich das letzte Mal etwas mit Fremden geteilt?







Kein Bock auf Lesen?

Kapitel 4 ...

Das Erlebnis mit der Champagnerfrau und ihrem Team ließ Tim nicht so schnell los. Grüblerisch und eines Besseren belehrt, zog er weiter. Gezielt steuerte er den Weihnachtsmarkt an, weil er großen Hunger hatte und etwas zu Essen kaufen wollte. Tim stand an einem runden Stehtisch, aß eine Bratwurst mit viel Senf und beobachtete die Menschen um sich herum. Sein Blick blieb an einer rot gelockten Frau hängen, die den Weihnachtsmarkttrubel gar nicht richtig wahrzunehmen schien. Sie stand da und blickte abwechselnd auf ihr Handy und dann wieder in eine bestimmte Richtung. „Sicherlich wartet sie auf jemanden", reimte sich Tim die Szenerie zusammen. Er kannte diese gewisse Ungeduld, die sich einstellte, wenn man auf eine Verabredung wartete. Seine Einschätzung erwies sich als richtig. Zwei dunkelhaarige Frauen bahnten sich zielgerecht den Weg durch die Weihnachtsmarktbesucher zur wartenden Frau. Alle drei warfen sich so überschwänglich in die Arme, dass sogar Tim, der unbeteiligte Beobachter, Freude empfand. Er fragte sich, wie lange sich die Freundinnen wohl nicht mehr gesehen hatten und ob der Besuch des Weihnachtsmarktes vielleicht ihre Tradition war. Die Frauen bestellten sich alle eine Tasse Glühwein und stießen auf den Abend an. Sie tranken, lachten und hielten die gemeinsame Zeit mit Fotos fest. Tim beschloss, zukünftig viel öfter den Moment auskosten zu wollen, um so neue Erinnerungen zu schaffen. Er stellte fest, dass man selbst doch ziemlich viel in der Hand hat, was die Gestaltung des eigenen Lebens betraf.



Nachdem Tim aufgegessen hatte, entschied er sich dazu, den Weihnachtsmarkt zu verlassen. „Nicht, dass ich noch wie ein gruseliger Stalker wirke, der hier fremde Leute beobachtet", kam es ihm in den Sinn. Sein Weg führte ihn zurück durch die Altstadt bis in das Wohnviertel, in dem er schon vorher spazieren gegangen war. Er ging gerade in Gedanken noch einmal alle Erlebnisse des Abends durch, da registrierte er ein Taxi, das langsam an ihm vorbeifuhr und drei Häuser weiter anhielt. Eine blonde hübsche Frau, ungefähr in seinem Alter, stieg aus dem Auto. Noch bevor sie ihr Gepäck aus dem Kofferraum hieven konnte, ging die Haustüre auf. „Hey, das ist doch die, die vorhin am Telefon von ihrer Tochter erzählt hat!", schoss es Tim durch den Kopf, als er eine Frau aus dem Haus zum Taxi rennen sah. Mit einem aufrichtigen Freudenschrei riss die Mutter ihre Tochter an sich und drückte sie ganz lange und fest. Nach und nach kamen alle Verwandten aus dem Haus, um sie zu begrüßen. Jetzt war die ganze Familie zusammen. Tim bemerkte, dass sich die Tochter offenbar nicht daran störte, das „Küken" der Familie zu sein. Weil sie sah, was dahintersteckte: Sie wurde aus vollstem Herzen geliebt und das gab ihr offensichtlich Kraft und Selbstvertrauen.


 

 


Neugierig, wie es mit Tim weiter geht?

Fortsetzung folgt am Dienstag ...